Beitrag zum Kongress der Fondation Européenne de Psychanalyse,
22. - 24. Mai 1998, Berlin

 

Plädoyer für ein Unbehagen

– ein paar Gedankenstücke      

André Heller:

emigrantenlied


 

Ein von den Organisatoren der Berliner Tagung vorgegebenes Thema (das Unbehagen in der Psychoanalyse) kann gelesen werden als ein Programm für die Psychoanalyse: Hüte dich vor der Behaglichkeit, sie ist blosse Täuschung – pflege / suche das Unbehagen. Und dies könnte durchaus Leitfaden für die Psychoanalyse, resp. für die Psychoanalytiker sein.

   
misstraue der idylle.
sie ist ein mörderstück.
 
 

Behaglichkeit verspricht Kontinuität und Sicherheit, während das Unbehagen Beunruhigung hervorruft, überall dort wo Inkompatibilität ist, Brüche, das Andere, kurz: störende Lücken, Inkontinuitäten. Es gibt diese Risse zahlreich, und genau so zahlreich sind die Angebote und Versuche und Versuchungen sie zu verschliessen oder zu überbrücken, z.B.:

Der ›universitäre Diskurs‹ – und das ist die Theorie – verschliesst mit Wissen, mit Begriffen, die Operationen ermöglichen, selbst über den Rand des Wissens hinaus. Sich in ihm behaglich einrichten heisst, sich auf die Seite der Theorie zu stellen – und damit gegen die ›Praxis‹. In der nämlich kann sich nur in ›Denklücken‹ neues Sprechen entfalten, einer ›anderen Logik‹ gehorchend.


Wer am ›Diskurs der Macht‹ teilnimmt, lässt sich nieder auf der Seite des Anspruchs, mit Zertifikat der Mächtigen und mit mehr oder weniger garantiertem Einkommen. Die Gratifikationen für die Unterwerfung sind Teilhabe an der Macht, Schutz vor Fremdem, Homogenität der Gruppe, usw.
Darum ist auch so zwiespältig, für die Anerkennung der Psychoanalyse (von wem?) zu kämpfen, wie auch schmerzhaft, sich ihrer Vereinnahmung zu widersetzen, sei es gegenüber Gesetzgebern, Institutionen, Organisationen oder Wissenschaftsdisziplinen. Dass es damit schlecht steht um den Bestand der Psychoanalyse in der heutigen Zeit, ist wohl unbestritten, das war aber immer schon so.

 
     
                 
          schlägst du dich auf ihre seite,
schlägt sie dich zurück.
   
                 
Diese Diskurse sind darauf angelegt, sich selbst zu erhalten, resp. die daran Teilnehmenden. Deren Positionen sind festgeschrieben, dafür aber garantiert. Die die teilnehmen, können teilhaben. Wer sich einfügt, wird eingeschlossen, wer sich entzieht wird ausgeschlossen. Veränderungen sind nur möglich, durch ritualisierte Formen, die Ordnung wieder installierend: Aufnahme- und Abschlussprüfungen, Zertifikate, Titel, Auszeichnungen, Wahlen, etc.
Sie sind damit ein Widerstand gegen die Psychoanalyse, sie zeigen sich aber auch als ein Widerstand in ihr:
 
Wir alle wissen, dass mit Theorie die Erfahrung der Psychoanalyse nicht zu erreichen ist. Aber: vermag die Erfahrung zur Theorie zu gelangen? – Die Theorie ist ein Wissen, d.h. ein Symptom. Die psychoanalytische Erfahrung geschieht jedoch genau dort, wo das Symptom, das Wissen bricht: dann, wenn das Symptom als Sicherung des Subjekts reisst. Das ist unbehaglich und unheimlich und jedesmal ein erneutes Wagnis.
   
drum mach´s dir nicht behaglich.
glaub nicht an einen ort.
 
 
   
Innerhalb der psychoanalytischen Praxis mag die Analytikerin / der Analytiker teilhaben an einer Analyse. Bis zum Moment der Deutung: dann, wenn die eigentliche Erfahrung der Analyse geschieht, fällt sie / fällt er raus. Das Subjekt in Analyse ist momenthaft aus dem Symptom gefallen und hat sich der Übertragung entzogen. (Das dann folgende ›Durcharbeiten‹ ist bereits das neue Symptom, auch die Arbeit daran, den ›imaginären‹ Analytiker wieder teilhaben zu lassen und ihn von neuem zu konstituieren.)

   
     
  denn wo du heut ein dach dir deckst,
jagt man dich morgen fort.
 
     
Die Psychoanalyse selbst ist eine Methode der Sprache, demnach wie diese ein Symptom. Hinter oder zwischen ihr ist der Tod, dessen Negation sie ist, von ihm getragen und gestützt. Es wäre ihr Schicksal, selber als ein Symptom auch verstanden zu werden, dazu angelegt, sich aufzulösen. Immer wieder, bis zuletzt dorthin, wo das Denken seinen Rand erreicht und bricht, wo es (auch in der Analyse) nichts mehr zu verstehen gibt, wo die Kastration der Psychoanalyse aufgedeckt ist.
   
               
            und wisse um die trauer.
sei deine prüfung wert.
               

Der Schluss einer Analyse kann sich demnach so äussern, dass dem Analytiker endgültig jede Teilhabe an der Erfahrung aufgekündigt wird – er wird dem Unbehagen überlassen, dann, wenn der letzte Vorhang aufgezogen wird, oder eher: nicht aufgezogen wird, ob der Ahnung, dass sich dahinter nichts verbirgt.

 
 

der mensch ist das was er verliert,
und was ihn deshalb schert.

 
     
E.A.